24. September 2026 · 4 min
Was ist Net Liquidity?
Eine Kennzahl, drei Zutaten: Warum viele Marktbeobachter die Bilanz der Fed um TGA und Reverse Repo bereinigen – und was das über das Umfeld aussagt.
Wer sich mit Makro und Krypto beschäftigt, stößt früher oder später auf den Begriff Net Liquidity. Gemeint ist eine einfache Rechnung, die versucht, eine schwer greifbare Größe messbar zu machen: wie viel Liquidität die US-Notenbank dem Finanzsystem tatsächlich zur Verfügung stellt.
Die Formel
Net Liquidity setzt sich aus drei öffentlich verfügbaren Serien zusammen, die alle über FRED abrufbar sind:
- Fed-Bilanzsumme (WALCL): alle Vermögenswerte, die die Federal Reserve hält – vor allem Staatsanleihen und hypothekenbesicherte Wertpapiere.
- Treasury General Account (TGA): das Konto des US-Finanzministeriums bei der Fed. Geld, das hier liegt, zirkuliert nicht im Bankensystem.
- Reverse Repo (RRP): Mittel, die Geldmarktfonds und Banken über Nacht bei der Fed parken. Auch dieses Geld ist vorübergehend „geparkt“.
Die Rechnung lautet: Net Liquidity = Fed-Bilanz − TGA − RRP.
Warum man TGA und RRP abzieht
Die Bilanzsumme der Fed allein sagt nur, wie viel Geld die Notenbank geschaffen hat. Ein Teil davon liegt aber auf Konten, auf denen es nicht für Kredite, Investitionen oder Käufe von Vermögenswerten genutzt wird. Steigt etwa das TGA, weil das Finanzministerium Steuereinnahmen einsammelt oder Anleihen ausgibt, wird dem System Liquidität entzogen – obwohl sich die Bilanz der Fed nicht verändert. Umgekehrt kann ein sinkendes Reverse-Repo-Volumen Liquidität freisetzen, auch wenn die Fed gleichzeitig ihre Bilanz verkleinert.
Net Liquidity versucht also, das Geld zu erfassen, das tatsächlich „im Umlauf“ ist.
Was die Kennzahl zeigt – und was nicht
In den vergangenen Jahren liefen Net Liquidity und die Kurse von Risiko-Assets wie Aktien oder Bitcoin über längere Phasen in eine ähnliche Richtung. Das hat die Kennzahl populär gemacht. Wichtig ist aber:
- Korrelation ist keine Kausalität. Ein gemeinsamer Verlauf heißt nicht, dass das eine das andere zuverlässig bestimmt.
- Die Beziehung ist nicht stabil. Es gab immer wieder Monate, in denen sich beide Größen deutlich auseinanderentwickelt haben.
- Die Daten kommen mit Verzögerung. Die Fed-Bilanz wird wöchentlich veröffentlicht, TGA und RRP täglich. Wer die Serien kombiniert, muss Zeitpunkte sauber abgleichen.
- Es ist eine US-Sicht. Die EZB, die Bank of Japan und andere Notenbanken beeinflussen die globale Liquidität ebenfalls.
Net Liquidity ist deshalb am nützlichsten als Kontext: Sie beschreibt das Umfeld, in dem sich Märkte bewegen – nicht, was ein einzelner Kurs als Nächstes tut.
Wie du die Kennzahl liest
Hilfreich sind drei Fragen:
- Richtung: Steigt oder fällt Net Liquidity über die letzten Wochen?
- Tempo: Wie groß ist die Veränderung im Vergleich zur Historie? Eine Veränderung von 100 Milliarden Dollar in vier Wochen ist etwas anderes als eine Schwankung von 10 Milliarden.
- Treiber: Kommt die Bewegung von der Fed-Bilanz selbst, vom TGA oder vom Reverse Repo? Ein steigendes TGA rund um Steuertermine ist oft saisonal.
Net Liquidity in CryptoVerstehen
In der App findest du Net Liquidity im Makro-Bereich. In Simple siehst du eine Ampel und einen Satz, etwa „Die Liquidität steigt seit vier Wochen“. In Expert siehst du die Rohwerte aller drei Komponenten, die Veränderung über frei wählbare Zeiträume, einen z-Score im Vergleich zur Historie und die Formel. Zusätzlich kannst du die globale Liquidität aus Fed, EZB und Bank of Japan daneben legen.
Fazit
Net Liquidity ist eine einfache, transparente Rechnung aus öffentlichen Daten. Sie hilft zu verstehen, ob das geldpolitische Umfeld gerade eher Rückenwind oder Gegenwind liefert. Sie ist aber kein Werkzeug, um Kurse vorherzusagen – und sollte immer zusammen mit anderen Daten betrachtet werden.
Dieser Artikel dient ausschließlich der Bildung und stellt keine Anlageberatung dar.